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6

So verstrichen die letzten Wochen vor dem langersehnten Schulanfang. Mit meinem Onkel zusammenzuleben lief perfekt und ich f?hlte mich richtig wohl und auch in meinem Freundeskreis fand ich immer mehr einen festen Platz, auch wenn das hie?, dass ich ab und zu eine von ihren komischen Mutproben machen musste, die aber jeder von uns einmal zu absolvieren hatte. Ich machte sie anfangs wiederwillig, doch ich wollte dazugeh?ren und so fand ich mittlerweile meinen Spa? daran. Einmal sollte ich eine Tafel Schokolade in einem Supermarkt klauen und ein anderes Mal musste ich ?ber eine gesperrte Br?cke klettern. Die Gro?en hatten Spa? daran, sich immer wieder etwas einfallen zu lassen, was sie die Kleinen machen lassen konnten. So sollten wir zum Beispiel einen Polizisten nach einer Zigarette fragen, welcher uns daraufhin ansah als h?tte er nicht verstanden was wir gesagt hatten, meinte wir w?ren doch nicht einmal in der Schule und fragte uns wo denn unsere Eltern seien. Daraufhin sind wir davon gelaufen und er hat und kopfsch?ttelnd hinterhergesehen.
Wir bekamen nie von irgendwem ?rger und wurden nie erwischt, wenn wir diese Mutproben durchf?hrten. Manchmal glaubte ich, dass alle Menschen in dieser Stadt blind seien oder nur Augen f?r sich und ihr eigenes Leben hatten. Wie kann man nur so ignorant sein? Ich meine, im Grunde geht es doch alle was an, was die Generation der Zukunft macht. Ihre Kinder k?nnten genauso dabei sein. Wenn einer der 5.-Kl?ssler wieder ein Fahrrad klaut, weil er meint er habe seins nun lange genug, gehen die Menschen die ihn dabei beobachten, wie der das Schloss aufbringt gleichg?ltig an ihm vorbei und gr??en ihn vielleicht noch mit einem L?cheln. Sie w?rden ja doch nur etwas unternehmen, wenn es ihr Eigentum w?re. Einfach r?cksichtslos und egoistisch sind sie alle, sind wir alle.
An den letzten Tagen vor Schulbeginn, bekam ich langsam Panik. Es waren nur noch vier Tage bis ich das erste Mal zu Schule gehen durfte und meine Eltern waren immer noch nicht da. Wo blieben sie solange? Hatten sie meine Einschulung vergessen, ihr versprechen an mich vergessen, dass sie fr?h genug wieder zur?ck sein w?rden? Jeden Tag fragte ich meinen Onkel, wann sie endlich nach Hause k?men, aber er wusste es selber nicht und konnte sie auch nicht unter der Nummer erreichen, die sie zur?ck gelassen hatte. Langsam machten wir uns Sorgen um sie, dass ihnen vielleicht etwas zugesto?en sein k?nnte, aber wir konnten nichts in Erfahrung bringen. Die N?chte schlief ich sehr unruhig und weinte oft im Schlaf. Zuf?llig hatte ich im Keller eine Zuckert?te gesehen, die mein Onkel wohl f?r mich besorgt hatte, mit ganz niedliches Kaninchen und Pferden darauf. War er sich denn sicher, dass meine Eltern nicht mehr kommen w?rden um mir selber eine zu schenken? Oder wollte er mir gerne eine von sich aus schenken, zus?tzlich zu der meiner Eltern? W?rden mir meine Eltern ?berhaupt eine Zuckert?te schenken, wenn sie fr?h genug wieder zur?ck k?men? Eigentlich kannte ich meine Eltern gut genug, um zu wissen, dass sie mich nicht mit teuren S??igkeiten abf?llen w?rden, aber andererseits hatte ich noch nie Einschulung und das w?rde auch das einzige Mal sein, daher konnte es ja sein, dass sie bei so einem besonderen Anlass mal eine Ausnahmen machten. Aber zu gro?e Hoffnungen machte ich mir nicht, schon gar nicht wenn sie bis Mittwoch nicht auftauchen w?rden.
Am Mittwoch stand ich fr?h auf, da ich sowieso fast nicht schlafen konnte und setzte mich and das Fenster, durch das man alle beobachten konnte, die Haus betraten oder verlie?en. Dort sa? ich nun und guckte im F?nfminutentakt auf die Uhr. Der Zeiger ging qu?lend langsam voran und ich sah viele Menschen ein und aus gehen. Doch meine Eltern konnte ich nicht erblicken. Ein ?ltere Dame, die im Erdgeschoss wohnte sah mich als sie grade vom Br?tchenholen nach Hause kam, da oben sitzen und winkte mir freundlich zu. Doch etwas merkw?rdig guckte sie schon als sie ein paar Stunden sp?ter zusammen mit ihrem Mann das Haus verlie? und mich immer noch dort sitzen sah.
Als mein Onkel bemerkte, dass ich dort wie angewurzelt sa? und mich den ganzen Tag nicht von der Stelle bewegte, machte er sich Sorgen um mich. Ihm war ja klar warum ich dort sa? und er versuchte auch gar nicht mich mit dummen Worten zu beruhigen und dort wegzulocken. Stattdessen brachte er mir etwas zu Essen und zu Trinken und setzte sich eine Weile zu mir, bis er zur Arbeit musste.
So sa? ich da den ganzen Tag. Ich reagierte weder auf das Klingeln an der T?r, als der Postbote ein Packet bringe wollte, noch ging ich ans Telefon. Mir war bewusste, dass es meine Elter sein konnten, die vielleicht sagen wollten, dass sie in zwei Stunden zu Hause sein w?rden oder erst in drei Wochen wiederkommen w?rden. Doch solange ich sie nicht den Hauseingang passieren sah, war mir alles egal. Auch als mein Onkel wiederkam und die Sonne irgendwann unterging und ich nicht mehr erkennen konnte, wer es war der dort unter dem Fenster das Haus betrat, blieb ich stur sitzen. Weinen konnte ich nicht mehr. Ich hatte das Gef?hl, als h?tte ich alle Tr?nen, die ein Mensch in seinem Leben weinen darf schon verweint.
Ich muss gestehen, einmal bin ich von meinem Wachtposten am Fenster gewichen. Doch das war, als mein Onkel noch nicht wieder zu Hause war und ich mal ganz dringend auf Toilette musste. Und ich habe mich auch besonders beeilt, so dass ich nicht mal gesp?lt habe und das H?ndewaschen habe ich mir auch gespart. Ich wollte ja meine Eltern nicht verpassen, wenn sie endlich wiederkamen. Doch so sa? ich dort und wartete und wartete, beobachtete Menschen und Uhrenzeiger bis ich wohl irgendwann einschlief. Mein Onkel trug mich dann wohl in mein Bett und hatte mir auch meinen Schlafanzug angezogen, denn als ich wieder wach wurde, lag ich, an meinen Pl?schhund gekuschelt in meinem Bett und f?hlte mich pl?tzlich pudelwohl. Ohne auch nur noch einen Gedanken an meine Eltern zu verschwenden schlief ich wieder ein und Tr?umte den Traum den ich schon so oft getr?umt hatte.
1.10.06 23:18


5

Ich r?hrte mich nicht, sondern wartete, dass mein Onkel den Kopf zur T?r hinein steckte, um zu schauen ob ich zu Hause sei und was ich machte. Als ich seinen Kopf erblickte, sprang ich auf und fiel ihm um den Hals.
"Was ist denn los, Kleines?", hatte er mich gefragt. Also erz?hlte ich ihm von dem Hund und das ich ihn gerne behalten w?rde. Doch noch w?hrend ich sprach fiel mir auf wie abwegig dieser Gedanke schien. Noch bevor ich den letzten Satz fertig gesprochen hatte war mir doch klar, was ich als Antwort bekommen w?rde. Und das mich mein Onkel mit einem traurigen Blick ansah best?rkte meine Vermutung nur. Ohne das er auch nur ein Wort sagen konnte lief ich zu meinem Bett und schmiss mich drauf und fing an zu weinen. Erst nachdem er mich eine lange viertel Stunden im Arm gehalten hatte und mich sanft hin und her gewiegt hatte, beruhigte ich mich wieder. Leise fl?sterte er mir ins Ohr, dass ich doch wenn ich gro? sei, so viele Hunde haben k?nne, wie ich mochte, ich aber jetzt noch das tun musste, was meine Eltern sagten. Ich nickte langsam und unterdr?ckte die Tr?nen, die schon wieder aus meinen Augen hervorplatzen wollte. Anschlie?end nahm er mich an die Hand und wir gingen gemeinsam herunter, um zu schauen ob der Hund noch da war. Ich suchte die ganzen umliegenden B?sche ab, doch ich konnte ihn nicht finden. Wahrscheinlich hatte er vor mir gewusst, das er bei mir kein zu Hause finden w?rde und hatte sich auf die Suche nach einem Kind mit besseren Eltern gemacht, dachte ich still bei mir.
Nun hatte ich zwei Monate bis die Schule anfing. Ich nutzte diese Zeit um mit Sandra drau?en auf den Stra?en unseres Viertels und auf den Spielpl?tzen der Stadt. Insgeheim w?nschte ich mit immer, endlich zur Schule gehen zu d?rfen, doch ich sprach es vor den anderen Kindern nie aus, da ich oft h?rte wie die ?lteren erz?hlten wie doof die Schule sei und dass ich doch froh sein soll noch nicht zur Schule gehen zu m?ssen.
Da mein Onkel in dieser Zeit in dem gro?en Doppelbett meiner Eltern schlief und das f?r einen Menschen viel zu gro? war, durfte ich immer mit dort schlafen. Er hielt mich immer im Arm, wenn ich einschlief. Und wenn ich mal keinen Schlaf fand, sang mir etwas vor oder erz?hlte mir kleine Geschichten von Elfen, die gegen b?se K?nige k?mpfen mussten oder von einer Prinzessin, die von ihrem Prinzen erobert wurde. Manchmal erz?hlte er auch Geschichten aus seiner Vergangenheit. Davon wie stolz er auf sein erstes Fahrrad war und dass sie immer mit auf dem Feld helfen mussten. Ich genoss diese Zeit so sehr. Endlich hatte ich jemanden, der f?r mich da war, der mir die Liebe gab, die ein Kind brauchte und der sich um mich k?mmerte, auch wenn das hie?, dass ich zum Abendbrot zu Hause sein musste. Doch es war mir viel lieber abends mit meinem Onkel zu Abend zu essen, als die ganze Nacht durch Magdeburg zu irren und zu wissen, dass dort niemand war, der mich vermissen w?rde, wenn ich erst in einer Woche wieder nach Hause kommen w?rde. In dieser Zeit kam es auch manchmal vor, dass Sandra bei mir schlief. Da mein Onkel sich um uns k?mmerte war es bei mir fast so angenehm wie, wenn wir bei ihr waren.
Drau?en auf den Stra?en mit den anderen Kindern f?hlte ich mich nicht wohl. Ich war zwar trotz meines jungen Alters anerkannt, doch konnte ich nicht begreifen, wieso die gro?en Jungs, den K?fern die Beine ausrissen oder sich zum Spa? pr?gelten.
Einmal hatte der Tim, der in die selbe Klasse ging wie Sandra eine Flasche Bier zu Hause geklaut und nachdem sie diese endlich ge?ffnet hatten, trank Tim die halbe Flasche alleine; den Rest durften sich die anderen Teilen. Auch mir wurde ein Schluck angeboten, doch ich wollte gar nicht kosten. Allein schon der Geruch erzeugte in mir Brechreiz und ich hatte Angst mich dann ?bergeben zu m?ssen. Tim war nach dieser halben Flasche total merkw?rdig drauf. Nachdem er ein wenig herumgetorkelt war und dabei alle einmal angerempelt hatte, setzte er sich auf die Schaukel des Spielplatzes auf dem wir gerade waren, beugte sich nach vorne und kotzte sich die Schuhe und die Hose voll. Dann fiel er von der Schaukel in den Sand und blieb dort mit dem Gesicht in seiner eigenen Kotze liegen. Ein paar von den ?lteren Jungs lachten erst ?ber ihn, aber als ich sie dann darauf hinwies, dass wir ihn schlecht einfach dort liegen lassen konnten, st?tzten sie ihn und brachten ihn nach Hause. Nach diesem Vorfall schwor ich mir, dass ich niemals Alkohol anr?hren w?rde. Doch w?rde es keine zwei Jahre dauern, bis ich diesen Schwur, in sehr ?bertriebenem Ma?e brach.
3.9.06 13:55


4

Ich sah meine Mutter wie sie verschwommen direkt vor meinem Gesicht war. Sie sagte ein paar Worte nur, doch ich verstand sie nicht. Alles war wie in einem Nebel, so undeutlich. Ich kannte diese Szene, doch nie war sie so unklar vor meinen Augen vorbeigezogen. Diese Erinnerung, die ich nie vergessen werde, entfernte sich von mir. Ich versuchte nach ihr zu greifen, doch ich verlor sie nur noch mehr dadurch. Pl?tzlich schwenkte das Bild vor meinen Augen um und es wurde wieder klar. Nun sah ich eine bunte Wiese, mit vielen, vielen Blumen und Schmetterlingen. Ich sag mich selbst darauf herumtollen und mit anderen Kinder um Wette laufen und Fangen spielen. Nie war ich so gl?cklich und ausgelassen, wie in diesem Moment des Traumes. Dieses unglaubliche Gef?hl des Gl?ckes durchstr?mte meinen K?rper wie nie zuvor. Ich konnte jede einzelne Zelle in meinem K?rper sp?ren, wie sie gl?hte und sprudelte. Meine Haare stellten sich auf und es durchfuhr mich wie ein Blitz, dieses unbekannte und doch so eindrucksvolles Gef?hl. Niemals mehr wollte ich es missen m?ssen. Niemals mehr wollte ich ohne es weiterleben. Doch ganz pl?tzlich wurde diese Wiese vor meinen Augen getr?bt, es wurde d?ster. Erschrocken ?ffnete ich die Augen und erkannte, dass nur ein kleiner streunender Hund seinen Schatten auf mein Gesicht warf und mich beschnupperte. Das alles verwirrte mich. Dieses eben noch empfundene Gef?hl, der Schreck der pl?tzlichen Dunkelheit auf der Wiese in meinem Traum und die Freude dar?ber einen Hund vor mir stehen zu haben waren einfach zu viel f?r mich. Ich drehte mich zur Seite und setze mich auf, um den Hund zu betrachten und meine verwirrten Gef?hle etwas zu beruhigen. Es war ein kleiner schwarz-brauner Dackel, der mich nun mit gro?en Augen anschaute. Ich holte einen Keks hervor und versuchte den Hund damit anzulocken. Er schien sehr zutraulich zu sein, denn er n?hrte sich sofort und fra? mir aus der Hand und schleckte sie danach noch gr?ndlich ab, damit ihm kein einziger Kr?mel entginge. Ich kraulte den kleinen Hund z?rtlich hinterm Ohr und er sah mich gro??ugig an. Vertr?umt lies ich meinen Blick ?ber die Wiese streifen. Immer noch war ich alleine hier, nur das ich jetzt den Hund als Gesellschaft hatte. Schlie?lich holte ich den Pl?schhund hervor und spielte ein wenig mit den beiden Tieren. Ich hatte meinen Spa? daran zuzusehen, wie der Dackel immer wieder versuchte vor dem Kuscheltier davon zu laufen und ihn dann entt?uscht anstie? als er sich nicht r?hrte.
Diesem Spiel sag ich eine kleine Weile zu, bis ich bemerkte, dass sich der Himmel schon rot f?rbte. Ich beschloss mich langsam auf den Weg zur?ck nach Hause zu machen. Auf dem Heimweg a? ich noch den Rest meiner Kekse, wobei ich es nicht unterlassen konnte die H?lfte der Kekse an den kleinen Hund zu verteilen, der mir auf Schritt und Tritt folgte. Auf der Br?cke stehend beobachtete ich wie die Sonne hinter der Skyline von Magdeburg unter ging. Dann fing ich an mir Gedanken zu machen, was jetzt mit dem Hund geschehen sollte. Ich konnte ihn unm?glich mit nach Hause nehmen. Sp?testens wenn meine Eltern wieder kamen, w?rden sie ihn vierteilen. Aber eigentlich konnte ich es doch wagen meinen Onkel anzubetteln ihn f?r die Zeit der Abwesenheit meiner Eltern bei uns wohnen zu lassen. Mit diesem Entschluss lief ich nun nach Hause.
Als ich zu Hause ankam wies ich den Hund an vor der Haust?r Platz zu machen bis ich wieder herunterkam. Wenn er dann nicht mehr da war, wollte er wohl nicht bei mir wohnen. Als ich die Wohnung betrat musste ich feststellen, dass mein Onkel nicht zu Hause war. Also nutzte ich die Zeit alleine zu Hause und suchte mir ein paar Kleinigkeiten aus dem K?chenschrank die ich essen konnte und normalerweise nie bekam, weil sie ungesund seien. Ein St?ck Schokolade und ein Bonbon waren doch eine gute M?glichkeit mir den Abend ein wenig zu vers??en. Um mir die Zeit zu vertreiben baute ich mir in meinem Zimmer aus B?chern eine kleine Rampe und lies die Glasmurmeln immer herunterrollen. Es machte mir Spa? zu beobachten welche der ungleichgro?en Kugeln als erstes auf dem Teppichboden auf kam. Doch als ich daran die Lust verlor legte ich mich mit meinem Pl?schhund im Arm auf den R?cken, starrte die kahle Decke an und tr?umte von diesem Gef?hl, welches ich vorhin in dem Traum kennen gelernt hatte und ich immer noch etwas in den Gliedern sp?ren konnte. Schlie?lich riss mich das Klacken der Wohnungst?r aus meinen Gedanken. Es musste mein Onkel sein, der wieder nach Hause kam.
31.7.06 23:22


3

Als der Tag endlich da war, wartete ich schon eine halbe Stunde bevor mein Onkel kommen wollte, vor der Tür in freudiger Erwartung ihn wieder zu sehen. Er begrüßte mich mit einem Lächeln und einem kleinen Kuss auf die Wange. Wir mussten uns beeilen um noch rechtzeitig am Bahnhof zu sein. Als wir dort waren, saßen meine Eltern schon im Zug an einem offenen Fenster und winkten mir zum Abschied noch aus dem Fenster des Zuges zu. Eine Umarmung oder einen Kuss bekam ich nicht. Dass sie mich jetzt mehrere Monate nicht sehen würden, war ihnen anscheinend egal. Mit einem komischen Gefühl im Bauch verließ ich den Bahnhof. Ich war einfach enttäuscht von dieser Lieblosigkeit, die sie mir gegenüber ausstrahlten. An der Hand meines Onkels schlenderten wir zurück zum Auto. Lautlos liefen vereinzelte Tränen über meine Wangen, als ich zusah wie eine Mutter ihre kleine Tochter in den Arm nahm und ihr einen kleinen Kuss auf die Stirn gab.

In diesem Moment kam meine älteste Erinnerung in mir hoch. Sie überfiel mich mit einer solchen Gewalt, dass ich taumelte. Plötzlich spürte ich in meinem ganzen Körper die Kraft der Liebe. Alles brodelte in mir und die Welt vor meinen Augen strahlte in unzähligen Farben.

 Mein Onkel sah mich kurz an, weil ich stolperte, aber er merkte nichts von der Nässe in meinem Gesicht. Ich brauchte einige Minuten um wieder bei vollem Bewusstsein zu sein, doch niemand hatte etwas von meiner vorübergehenden Abwesenheit bemerkt. Auf der Fahrt zurück nach Hause sagte ich kein Wort und war tief in meinen Gedanken versunken. Mit der Frage, ob wir nicht ein Eis essen gehen wollten, holte mich mein Onkel wieder ganz und gar auf den Boden zurück und ich verfiel wieder in mein kindliches Benehmen, indem ich erfreut umherzappelte und das schöne kühle Eis zu der warmen Jahreszeit kaum erwarten konnte. Ich vermied es an diesem Tag andere Menschen zu beobachten, was ich sonst sehr gerne tat. Aber ich hatte Angst davor noch einmal dieses Gefühl in mir zu spüren.

Kann man denn etwas vermissen was man gar nicht kennt? Kann man nicht nur etwas vermissen, was man einmal hatte und jetzt weg ist? Oder reicht es etwas gesehen zu haben oder sich etwas vorzustellen, was vielleicht nicht mal existiert, um es vermissen zu können? Kann man die Liebe vermissen, wenn man sie nie erfahren hat? Ich kann ja nicht sagen, dass ich die Liebe vermisse, denn ich weiß nicht wie es sich anfühlt geliebt zu werden. Vielleicht vermisse ich ja etwas, was auch andere Kinder nicht bekommen, ein anderes Gefühl, was niemand kennt und es nicht gibt, oder noch niemand es gewagt hat es auszusprechen. Erst Jahre später sollte ich erfahren, was es heißt geliebt zu werden.

An diesem Tag, war ich ununterbrochen den Tränen nahe. Ein böser Blick hätte mich zum Weinen bringen können, deshalb entschied ich mich, nicht wie geplant zu Sandra zu gehen, sondern lieber einige Stunden alleine im Stadtpark zu verbringen, der wenigstens noch ein wenig Ähnlichkeit mit meinem so geliebten Wald hatte. Also ich packte mir ein paar Kleinigkeiten zusammen, die ich vielleicht gebrauchen konnte. Das waren mein Plüschhund, eine Packung Kekse als Reiseproviant, ein paar Glasmurmeln und ein kleines Küchenmesser. Alles zusammen packte ich in meinen kleinen Rucksack und machte mich auf den Weg. Meinem Onkel sagte ich nicht was ich tat, er ging sicher davon aus, dass ich mich mit Sandra oder anderen Freunden treffen würde. Auf dem Weg in den Stadtpark musste ich über die Elbe. Ich liebte diese große Brücke, die man dann immer überqueren musste. In der Mitte blieb ich für eine Weile stehen und beobachtete die Strömung des Wassers durch die Gitterstäbe des Geländers. Es war ein schwüler Sommertag und der sanfte Wind der über die Brücke rauschte war sehr erleichternd. Auf dem Weg in den Park hinein konnte ich oft Schwärme von sich tummelnden Mücken sehen und Pärchen, die verliebt Hand in Hand das schöne Wetter genossen. Ich suchte mir den Platz, wo am seltensten andere Menschen hinkamen und legte mich dort auf die Wiese in die Sonne. Ich genoss die warmen intensiven Strahlen, die so schön heiß auf der Haut prickelten. Nebenbei aß ich ein paar Kekse und spielte mit den Grashalmen. Diese Wärme machte mich müde und bald schloss ich die Augen und schlief ein.

7.7.06 15:43


2

Je älter ich wurde desto öfter schlich ich mich nachts, wenn ich das tiefe Schnarchen meines Vaters aus dem Elternschlafzimmer hörte, raus an die frische Luft. Schon bald hatte ich das öffnen und schließen der Wohnungstür so perfektioniert, dass nicht das kleinste Geräusch zu hören war. Auch beim betreten jeder einzelnen Stufe, die hinauf zum Dach führte, war ich so mäuschenstill, dass nicht einmal der Hund von dem Mann, der über uns wohnte, anfing zu bellen. Da ich so klein und schmal war konnte ich mit Leichtigkeit durch das Loch in der zerbröckelten Wand auf das Vordach kriechen, um dann von dort aus auf das Hauptdach zu klettern. Dort lag ich dann manchmal die ganze Nacht und schaute zu, wie die Wolken die Sterne verschluckten und sie kurz darauf wieder ausspieen. Wenn es zu bewölkt war um etwas am Himmel zu erkennen und man nicht einmal den Mond zwischen den Wolken hervorschimmern sah, ließ ich meinen Blick über unser kleines Dorf streifen. Über die wenigen erleuchteten Fenster. Zu dieser Nachtzeit schliefen gewöhnlich alle hier. Nur ein paar kleine Kinder brauchten das Licht im Nebenzimmer um einschlafen zu können. Manchmal konnte ich auch noch beobachten, wie der Schriftsteller, der im Nebenhaus wohnte, noch nachts an seiner Schreibmaschine saß und manchmal ein sehr verzweifeltes Gesicht machte. Ich malte mir dann immer aus, worum es wohl in dem Buch ging, welches er grade schrieb. War es wohl ein Kinderbuch, oder ein Krimi. Mit den wildesten Phantasien ließ ich edle Ritter Drachen die Köpfe abschlagen und einen mutigen Polizisten einen gespenstischen Mord aufklären. Manchmal entstanden auch romantische Geschichten in meinem Kopf. Ein edler Prinz verliebte sich in eine arme Bauerstocher und schließlich waren sie glücklich. Einmal konnte ich beobachten wie der Schriftsteller seine Katze von einem Stapel Blätter verscheuchen musste und sie dabei alle durcheinander brachte. Ich musste leise lachen, auch wenn ich wusste das es wohl eine Ewigkeit dauern würde, bis er die ganzen Seiten wieder geordnet hatte.
Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen mein Gesicht erleuchteten, machte ich mich wieder auf den Weg in mein Bett um dort den nächtlichen Schlaf nachzuholen.
Zweimal kam mein Onkel zu Besuch. Er war ein großer schmaler Mann mit einer Brille und vielen Muskeln. Ich glaube meine Mutter warf ihm ab und zu ein paar sehnsüchtige Blicke zu, denn der braungebrannte blonde Bruder meines Vaters war nicht einer der Hässlichsten. Im Grunde mochte ich ihn, weil er sich immer die Zeit nahm sich mit mir zu beschäftigen, wenn meine Eltern nicht da waren. Nur manchmal wurde er ein wenig grob und hielt mit Gewalt meine Arm fest, doch danach lachte er immer und nahm mich in den Arm und alles war wieder in Ordnung. So verbrachte er ganze Tage damit mit mir „Räuber und Gendarm“ oder „Katze und Maus“ zu spielen. Nur am Abend, nachdem er mir Gute Nacht gesagt hatte und mit meinen Eltern im Wohnzimmer uninteressante Sachen besprach und ich es mir erlaubte noch einmal mit irgendeinem Grund als Vorwand rüber zu kommen, war er immer gemein zu mir und behandelte mich, wie mein Vater es immer tat.

So verliefen in etwa die ersten fast sechs Jahre meines Leben. Damals war mir noch nicht ganz bewusst, dass es die Liebe war die mir fehlte. Meistens dachte ich, dieses komische leere Gefühl im Bauch wäre normal. Ich war einfach glücklich und genoss meine Kindheit mit allen Freiheiten die ich hatte, denn zu diesem Zeitpunkt lies man mich noch in Ruhe. Und das war mir wichtiger als vieles andere, denn so konnte ich tun und lassen was ich wollte. Wie hätte ich auch wissen können, dass mich das Verhalten meiner Eltern kaputt machte. Ich war ein Kind, das sich nicht viele Gedanken gemacht hat und alles was es nicht wusste durch ausprobieren rausfand.
Nach dem Umzug waren meine Freiheiten anfangs nicht weniger gering, als noch auf dem Dorf, doch mein Wald war nicht mehr da, kein See hinter dem Haus und ich konnte nachts auch nicht mehr auf das Dach klettern. In Magdeburg konnten wir uns eine größere Wohnung leisten und wohnten im Stadtzentrum, an einer Stelle, wo es dennoch sehr ruhig war. Wir hatten jetzt ein Zimmer mehr. Dort konnten Gäste übernachten, falls wir mal welche haben sollten, was durch die wenige Freizeit meiner Eltern nicht sehr häufig vorkam. Hinter dem Haus war ein kleiner Garten für alle Mieter des Hauses mit einem Sandkasten und zwei Schaukeln für die Kinder, einem Gemüsebeet für die gelangweilten Ehefrauen und einige Tische und Bänke mit einem Grill, um die sommerlichen Abende besser genießen zu können.
In der Wohnung schräg über uns wohnte eine Familie mit einer Tochter, die ein Jahr älter war als ich und einem Sohn, der drei Jahre älter war. Schon am Tag des Einzuges begegnete ich der Tochter und wir machten uns gleich bekannt. Sie lud mich ein ihr Zimmer anzuschauen. Klar, wollte ich gerne das Zimmer von ihr sehen, nur musste ich erst mal mit bei dem Umzug helfen. Bevor da nicht alles fertig war, würden mich meine Eltern nicht weg lassen. Doch schon am Tag darauf besuchte ich sie in ihrem Zimmer, welches wirklich toll aussah. Ein Traum von einem Mädchenzimmer mit einem Himmelbett und Sternen an der Decke. Eine Wand hatte sie orange angestrichen und eine war mit roten und gelben Tüchern behangen. Außerdem hatte sie tolle Poster an der Wand hängen, mit Einhörnern und Prinzessinnen drauf. Im ersten Augenblick hatte ich mich in dieses Zimmer verliebt und in all die glitzernden Klamotten die sie immer trug. Auch erfuhr ich dass das Mädchen Sandra hieß und grade in die Schule gekommen war. Sie war echt nett und ich verbrachte sehr viel Zeit mit ihr. Bei schönem Wetter verbrachten wir die meiste Zeit draußen auf den Straßen unseres Viertels. Schnell lernte man dort Kinder kennen, die sich gerne prügelten, welche die mit Puppen spielten oder andere die rauchten. Wir waren eigentlich immer zu zweit unterwegs und blieben mal auf diesem Spielplatz für ein oder zwei Stunden und mal auf dem Hinterhof. Nachts saßen wir gerne auf den beiden Schaukeln in unserem Garten und erzählten uns Gruselgeschichten oder betrachteten die Sterne und bildeten daraus Bilder. Irgendwann wurde Sandra dann immer von ihren Eltern reingepfiffen und meistens ging auch ich dann nach Hause. Meine Eltern hoben nicht mal den Kopf, wenn sie mich nach drei Tagen, die wir uns nicht gesehen haben, weil sie immer so spät nach Hause kamen und schon so früh wieder gingen, wiedersahen.
Die Kinder in dieser Stadt erstaunten mich immer wieder. Viele hatten noch nie eine lebendige Kuh gesehen, aber wussten schon wie man einen Zigarettenautomaten bediente. Sie waren alle ganz anders als die Kinder in meinem Dorf. Die meisten waren grob und warfen mit Schimpfwörtern um sich, die ich nie gehört hatte und mit denen ich auch nichts anfangen konnte. Wahrscheinlich hatten die selber keine Ahnung was das bedeutete, aber sie hatten sie mal von den Älteren aufgeschnappt und verwendeten sie, um damit zu zeigen, dass sie auch schon so cool und alt sind wie sie. Ich glaube ich hätte es sehr schwer gehabt bei diesen Kindern Anschluss zu finden, vor allem, weil sie alle älter waren als ich. Die meisten waren auch älter als Sandra, aber sie kannte viele, war beliebt und wegen ihres großen Bruders auch gefürchtet. Jeder wusste, wenn man mich oder sie dumm anmachte würde man Ärger mit ihrem Bruder und dessen Freunden bekommen.
Manchmal musste ich auch zusehen, wie ein kleiner schwacher Junge verprügelt wurde und man ihm dann alles wegnahm was er besaß und als brauchbar erachtet wurde. Meistens kamen diese Jungen dann mit einem blauen Auge oder einer Schramme am Knie davon, aber es kam auch vor, dass jemandem der Arm gebrochen wurde, aber dafür interessierten sich die Schläger nicht. Am liebsten wäre ich da öfters mal dazwischengegangen, aber Sandra hatte mich gewarnt, dass ich das auf keinen Fall machen dürfte, wenn ich von ihnen akzeptiert werden will. Sie meinte sie würden mich ignorieren oder auch auf mich einprügeln. Das lies ich mir natürlich nicht zweimal sagen und sah daher nur mit leidendem Blick zu. Sandra jubelte oft mit oder trat sogar mal gegen das Schienbein des Opfers, aber das ging mir dann doch zu weit. Ich mochte diese Gewalt in der Stadt nicht. Auf meinem Dorf war immer alles ruhig und Prügeleien hatte es nur sehr selten gegeben. Manchmal schlich ich mich auch einfach weg, wenn die anderen Kinder wieder ein Opfer auserwählt hatten. Aber ich sollte bald merken, dass es für das eigene Image sehr wichtig war so etwas mitzumachen und dass Image in dieser Gegend alles war.

Wenn Sandra und ich nicht rauskonnten waren wir meistens in ihrer Wohnung, da sie ein viel schöneres und größeres Zimmer hatte und ihre Eltern uns immer ganz lieb bewirteten. Einmal versprach sie mir, irgendwann würde ich auch so ein schönes Zimmer bekommen, wie sie es hatte. Da ich ja noch nicht zur Schule ging, hatte ich immer Zeit sie von der Schule abzuholen, so dass wir danach immer noch auf den Spielplatz gehen konnten oder in den Spielzeugladen um die Ecke, in dem wir gerne Stunden verbrachten und uns all die tollen Spielsachen ansahen, die wir so gerne haben würden, aber nie haben konnten.
Kurz vor meinem 6. Geburtstag verkündeten mir meine Eltern, dass sie eine Geschäftsreise machen müssten. Sie versprachen mir, dass sie wieder zurück wären wenn in zwei Monaten meine Einschulung wäre. Doch über diese lange Zeit ihrer Abwesenheit sollte mein Onkel in unsere Wohnung ziehen und auf mich aufpassen, was mich natürlich freute, weil er der einzige meiner Verwandten war, der mir auch mal zeigte oder sagte, dass er mich mochte. In der Hoffnung dies würden zwei wundervolle Monate werden, ohne Schläge meines Vaters und ohne, dass meine Mutter mich immer anmeckerte, sah ich dem Tag freudig entgegen, an dem ich mit meinem Onkel zusammen zum Bahnhof fuhr um meine Eltern zu verabschieden.
30.6.06 20:59


1

Meine älteste Erinnerung ist nun schon 20 Jahre alt. Doch diese gibt das klarste Bild in meinem Kopf, denn immer noch träume ich fast jede Nacht davon.

Ich war nicht mal 6, als meine Eltern entschieden von einem kleinen Dorf in Nordthüringen nach Magdeburg zu ziehen. Dort hatten sie bessere Arbeit und mein Onkel wohnte in der Nähe und er erklärte sich dazu bereit, auf mich aufzupassen, wenn meine Eltern mal wieder länger arbeiteten mussten. Dies geschah sehr häufig, da sie beide ganztags arbeiteten und einen harten Job hatten.
Ich verließ also mein geliebtes Heimatdorf. Verlor dadurch fast alles was mir lieb und wichtig geworden war. Die große Eiche an dem See hintern unserem Haus. Die Große Wiese am Ortsrand, die im Frühling von dem ganzen Löwenzahn immer gelb war. Der kleine weiße streunende Hund dem ich immer heimlich etwas Wurst mitgebracht habe, weil er so mager aussah. Hätten meine Eltern das gewusst, hätten sie mir sicher verboten raus zu gehen und hätten ein Schloss an den Kühlschrank gehängt. Doch da sie die meiste Zeit irgendwo waren und nur die alte kleine Frau, die unter uns wohnte ab und zu nach mir schaute, bekamen sie gar nichts mit, was in meinem Leben überhaupt geschah.
Diese Frau mochte meine Eltern eigentlich nicht, hatte aber dennoch zugestimmt nach mir zu schauen, weil sie Mitleid mit mir hatte. Sie selber konnte keine Kinder bekommen und ihr Mann war vor zehn Jahren gestorben und seit dem verbrachte sie die ganze Zeit in dieser kleinen stickigen Ein-Zimmer-Wohnung und kam nur heraus um das nötigste einzukaufen oder ein Auge auf mich zu werfen. Ein paar wenige Male hatte sie mich schon mit reingenommen und mir in ihrer kleinen Küche ein Glas Milch gegeben. Sie redete nicht viel und wenn sie es tat, dann nur über das Wetter oder darüber was ich wieder schönes erlebt hatte an diesem Tag. Sie redete nie über sich und ihre Vergangenheit. Sie ist nur als Abbild eines Schattens in meinem Kopf zurückgeblieben, da sie immer so unscheinbar war, dass man sich immer fragte nachdem man sie im Treppenhaus getroffen hatte, ob man sich das nicht nur eingebildet hat. Später fragte ich mich noch oft, was diese Frau am Leben erhielt und wieso sie sich den ganzen Tag in ihrer Wohnung verschanzte und was sie da wohl tat. Sehr erfüllt konnten diese Jahre für sie wohl nicht gewesen sein.
Was ich am meisten vermisste, als ich in diese Stadt zog, war der Wald. Dort konnte mich niemand stören. Ja, dort war der einzige Ort, an dem ich ganz für mich alleine war. Ich liebte es, stundenlang einfach nur auf einem Baumstamm zu sitzen und einen Schmetterling zu beobachten wie er durch die Luft segelte. Oft lief ich ihm irgendwann hinterher. Nicht um ihn zu fangen, nein. Sondern um herauszufinden wo er hinwollte und was er dort tat. Im Sommer legte ich mich oft unter einen Baum, schloss die Augen und genoss die Geräusche der Natur. Das Vogelgezwitscher, das Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume, das Rascheln der kleinen Tiere und Vögel in dem getrockneten Laub auf dem Waldboden. Und dann kam noch der herrlich Geruch von frischem Holz, Gras, modrigem Unterholz und Baumrinde hinzu. Manchmal öffnete ich dann die Augen und schaute der Bewegungen der Baumkronen zu. Mal verfolgte ich eine Maus und belustigte mich an dem Anblick wie sie ängstlich vor mir floh und über jeden einzelnen Ast stolperte. Wann anders grub ich Würmer und Käfer aus der Erde und ließ sie über meine Arm kriechen oder von einem Blatt zum anderen krabbeln. Es gefiel mir viel mehr mit lebenden Tieren zu spielen, als in einem Sandkasten mit toter Erde wie die anderen Kinder im Dorf. Auch konnte ich keinen Sinn darin erkennen den Bäumen die Blätter abzureißen und zu zerkleinern und dann mit verschiedenen Blüten zusammen in einen Wassertrog zu schütten, um dann zu behaupten, dass nachts die bösen Hexen kommen und das trinken und weil es giftig ist werden sie alle sterben. Schon komisch, dass man nie eine der vielen Leichen der Hexen fand die daran alle angeblich gestorben sind. Ich beobachtete lieber die Tiere und quälte auch mal gerne eine kleine Spinne in dem ich umherhetzte und sie mit kleinen Stöckchen anstichelte. Würden Spinnen beißen oder anders ihre Aggressionen gegen Menschen ausüben können, hätte ich sicher das halbe Spinnenvolk des Waldes auf mich gehetzt mit meinen rücksichtslosen Maßnamen gegen diese unattraktiven Tiere.
Einmal nahm ich eine Freundin mit in „meinen“ Wald. Ich zeigte ihr begeistert jeden meiner Lieblingsplätze und erklärte ihr, wo man am besten welches Tier beobachten konnte. Doch das schien sie zu langweilen und sie hörte mir nicht mehr zu und als sie anfing die schönen Buschwindröschen zu zertreten und abzurupfen wurde rastete ich aus und schrie sie an, wie sie es sicher erlauben konnte diese hilflosen Pflanzen zu zertreten. Sie hatten ihr doch nicht getan und überhaupt war sie doch zu dumm die wahre Schönheit der Natur zu erkennen, woraufhin sie sofort davonlief und nie wieder ein Wort mit mir sprach. So genau wusste ich damals auch nicht was ich mit der wahren Schönheit der Natur meinte, aber ich fand es klang schön, und ich behielt diese Formulierung im Gedächtnis bis ich schreiben konnte und sie mir an die Wand schreib. An dem Tag, an dem ich meine Freundin aus dem Wald vertrieb, schwor ich mir niemals wieder jemanden mit in den Wald zu nehmen und wollte auch keine Freunde mehr haben. Doch das Zweite hielt ich nicht lange durch, hingegen schaffte ich es das restliche halbe Jahr vor dem Umzug den Wald für mich zu behalten.
Im Sommer, wenn ein Sommergewitter aufzog und alle Bewohner meines Dorfes sich hinter den Vorhängen versteckten, zog ich mir meine Badelatschen, ein dünnes Hemdchen und eine Unterhose an und ging auf die menschenleere Straße. Dann setzte ich mich an den See hinter unserem Haus und beobachtete, wie die Regentropfen auf der Wasseroberfläche ihre Kreise zogen. Wenn ich dann nach einer halben Stunde klitschnass nach Hause kam, bekam ich immer eine Ohrfeige von der kleinen alten Frau. Und sobald meine Eltern da warn schimpfte meine Mutter mit mir und mein Vater knallte mir noch eine. Dann fing ich immer an zu weinen, aber niemand nahm mich in den arm und ich stand immer so lange in der kalten Küche und schluchzte vor mich hin, bis meine Eltern mich in mein Bett trugen.
Dort lag ich dann oft noch stundenlang wach und konnte mich nicht beruhigen. Ich ertrug es einfach nicht das die Ohrfeigen meines Vaters die einzige Berührung meiner Eltern war, die ich bekam.

Wieder hat er mich geschlagen.
Wieder habe ich ihn umarmen wollen.
Im sagen wollen wie lieb ich ihn habe.
Doch diese Kälte in seinen Augen wenn er mich ansieht lässt auch mich gefrieren.
Andere Kinder bekommen doch auch Zärtlichkeit und Zuneigung.
Warum ich nicht?
Meine Eltern geben mit alles was ich braucht,
nur das wichtigste vergessen sie.
Das was ein Kind von seinen Eltern am meisten braucht.
Sie vergessen einfach mich zu lieben.


Die Zeit zwischen dem Tag, an dem ich endlich alleine raus durfte und meine Eltern mich nicht mehr Tag für Tag in unserer Wohnung einschlossen, damit ich nicht weglief, und dem Tag den großen Umzugs, war die allerschönste Zeit meines Lebens. Oft hörte ich wie andere redeten. Sie sagten, meine Eltern würden mich verwahrlosen lassen. Und man könne ein kleines Kind wie mich doch nicht alleine auf die Straße lassen. Sie sagten, das würden sie nur tun, in der Hoffnung, dass ich eines Tages nicht mehr nach Hause käme. Sie redeten oft über mich und meine Eltern. Einmal stand auch das Jugendamt vor der Tür, aber sie konnten in keiner Weise erkennen, dass in dieser Familie etwas schief lief. Wie auch. Liebe kann man nicht sehen. Sonst wäre ja aufgefallen, dass es in unsere Wohnung keine gibt. Die Wohnung war nicht mal lieblos eingerichtet. Überall standen kleine Figuren von Engeln oder Hasen herum. Peinlich achtete meine Mutter in ihrer wenigen Freizeit darauf, dass die Häkeldeckchen, die unser Sofa schmückten auch an ihrem richtigen Platz lagen. Was meistens der Fall war, weil ich das Wohnzimmer grundsätzlich mied und mein Vater nur einmal die Woche auf dem Sofa saß um Fußball zu schauen. Dabei war es ihm egal, wer gegen wen spielte. Er hatte auch keine Mannschaft, die er besonders anfeuerte. Egal welche Mannschaft einen Fehler machte, er begann lauthals an zu brüllen und zu fluchen und er hörte nicht eher wieder auf bis meine Mutter ihm beschwichtigend eine Hand auf die Schulter legte. Die anderen Bewohner des Hauses meinten, sie würden an diesem Abend so wie so später schlafen gehen. Aber in Wirklichkeit hatten sie nur Angst vor ihm, weil er mal auf offener Straße eine streunende Katze totgetreten hatte.
Ich hingegen hatte mich zwar im Grunde daran gewöhnt, an diesem einen Tag in der Woche nicht früh schlafen zu können, aber ich heulte noch nach 3 Jahre die ganze Zeit, die ich seine Stimme aus dem Zimmer dringen hörte.
Was ich mir immer am meisten wünschte war ein Haustier. Endlich jemand, der wenigstens mal dankbar schnurrt wenn ich ihm den Kopf kraule. Doch nachdem ich zwei Tage Hausarrest hatte nur weil ich meine Mutter gefragt habe ob ich vielleicht ein Meerschweinchen haben dürfe, und sie zu meinem Vater ging, der total ausrastete, unterlies ich es dieses Thema anzusprechen. Geträumt habe ich wohl ständig von einem eigenen Haustier. Als Trost schenkte mir meine Mutter heimlich ein kleines Kuscheltier zu meinem 5. Geburtstag, welches ich aber gut verstecken sollte, damit es mein Vater nicht sähe. Er meinte immer Kuscheltiere übermitteln nur den Wunsch nach einem eigenen Tier und erhöhen den Drang nach Zärtlichkeit. Deshalb bewarte ich den kleinen braunen Plüschhund immer unter meinem Bett auf und holte ihn nur hervor wenn meine Eltern wieder mal nicht da waren und ich mir sicher sein konnte, dass sie auch so bald nicht wieder da sein würden.
28.6.06 19:02





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