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Meine älteste Erinnerung ist nun schon 20 Jahre alt. Doch diese gibt das klarste Bild in meinem Kopf, denn immer noch träume ich fast jede Nacht davon.

Ich war nicht mal 6, als meine Eltern entschieden von einem kleinen Dorf in Nordthüringen nach Magdeburg zu ziehen. Dort hatten sie bessere Arbeit und mein Onkel wohnte in der Nähe und er erklärte sich dazu bereit, auf mich aufzupassen, wenn meine Eltern mal wieder länger arbeiteten mussten. Dies geschah sehr häufig, da sie beide ganztags arbeiteten und einen harten Job hatten.
Ich verließ also mein geliebtes Heimatdorf. Verlor dadurch fast alles was mir lieb und wichtig geworden war. Die große Eiche an dem See hintern unserem Haus. Die Große Wiese am Ortsrand, die im Frühling von dem ganzen Löwenzahn immer gelb war. Der kleine weiße streunende Hund dem ich immer heimlich etwas Wurst mitgebracht habe, weil er so mager aussah. Hätten meine Eltern das gewusst, hätten sie mir sicher verboten raus zu gehen und hätten ein Schloss an den Kühlschrank gehängt. Doch da sie die meiste Zeit irgendwo waren und nur die alte kleine Frau, die unter uns wohnte ab und zu nach mir schaute, bekamen sie gar nichts mit, was in meinem Leben überhaupt geschah.
Diese Frau mochte meine Eltern eigentlich nicht, hatte aber dennoch zugestimmt nach mir zu schauen, weil sie Mitleid mit mir hatte. Sie selber konnte keine Kinder bekommen und ihr Mann war vor zehn Jahren gestorben und seit dem verbrachte sie die ganze Zeit in dieser kleinen stickigen Ein-Zimmer-Wohnung und kam nur heraus um das nötigste einzukaufen oder ein Auge auf mich zu werfen. Ein paar wenige Male hatte sie mich schon mit reingenommen und mir in ihrer kleinen Küche ein Glas Milch gegeben. Sie redete nicht viel und wenn sie es tat, dann nur über das Wetter oder darüber was ich wieder schönes erlebt hatte an diesem Tag. Sie redete nie über sich und ihre Vergangenheit. Sie ist nur als Abbild eines Schattens in meinem Kopf zurückgeblieben, da sie immer so unscheinbar war, dass man sich immer fragte nachdem man sie im Treppenhaus getroffen hatte, ob man sich das nicht nur eingebildet hat. Später fragte ich mich noch oft, was diese Frau am Leben erhielt und wieso sie sich den ganzen Tag in ihrer Wohnung verschanzte und was sie da wohl tat. Sehr erfüllt konnten diese Jahre für sie wohl nicht gewesen sein.
Was ich am meisten vermisste, als ich in diese Stadt zog, war der Wald. Dort konnte mich niemand stören. Ja, dort war der einzige Ort, an dem ich ganz für mich alleine war. Ich liebte es, stundenlang einfach nur auf einem Baumstamm zu sitzen und einen Schmetterling zu beobachten wie er durch die Luft segelte. Oft lief ich ihm irgendwann hinterher. Nicht um ihn zu fangen, nein. Sondern um herauszufinden wo er hinwollte und was er dort tat. Im Sommer legte ich mich oft unter einen Baum, schloss die Augen und genoss die Geräusche der Natur. Das Vogelgezwitscher, das Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume, das Rascheln der kleinen Tiere und Vögel in dem getrockneten Laub auf dem Waldboden. Und dann kam noch der herrlich Geruch von frischem Holz, Gras, modrigem Unterholz und Baumrinde hinzu. Manchmal öffnete ich dann die Augen und schaute der Bewegungen der Baumkronen zu. Mal verfolgte ich eine Maus und belustigte mich an dem Anblick wie sie ängstlich vor mir floh und über jeden einzelnen Ast stolperte. Wann anders grub ich Würmer und Käfer aus der Erde und ließ sie über meine Arm kriechen oder von einem Blatt zum anderen krabbeln. Es gefiel mir viel mehr mit lebenden Tieren zu spielen, als in einem Sandkasten mit toter Erde wie die anderen Kinder im Dorf. Auch konnte ich keinen Sinn darin erkennen den Bäumen die Blätter abzureißen und zu zerkleinern und dann mit verschiedenen Blüten zusammen in einen Wassertrog zu schütten, um dann zu behaupten, dass nachts die bösen Hexen kommen und das trinken und weil es giftig ist werden sie alle sterben. Schon komisch, dass man nie eine der vielen Leichen der Hexen fand die daran alle angeblich gestorben sind. Ich beobachtete lieber die Tiere und quälte auch mal gerne eine kleine Spinne in dem ich umherhetzte und sie mit kleinen Stöckchen anstichelte. Würden Spinnen beißen oder anders ihre Aggressionen gegen Menschen ausüben können, hätte ich sicher das halbe Spinnenvolk des Waldes auf mich gehetzt mit meinen rücksichtslosen Maßnamen gegen diese unattraktiven Tiere.
Einmal nahm ich eine Freundin mit in „meinen“ Wald. Ich zeigte ihr begeistert jeden meiner Lieblingsplätze und erklärte ihr, wo man am besten welches Tier beobachten konnte. Doch das schien sie zu langweilen und sie hörte mir nicht mehr zu und als sie anfing die schönen Buschwindröschen zu zertreten und abzurupfen wurde rastete ich aus und schrie sie an, wie sie es sicher erlauben konnte diese hilflosen Pflanzen zu zertreten. Sie hatten ihr doch nicht getan und überhaupt war sie doch zu dumm die wahre Schönheit der Natur zu erkennen, woraufhin sie sofort davonlief und nie wieder ein Wort mit mir sprach. So genau wusste ich damals auch nicht was ich mit der wahren Schönheit der Natur meinte, aber ich fand es klang schön, und ich behielt diese Formulierung im Gedächtnis bis ich schreiben konnte und sie mir an die Wand schreib. An dem Tag, an dem ich meine Freundin aus dem Wald vertrieb, schwor ich mir niemals wieder jemanden mit in den Wald zu nehmen und wollte auch keine Freunde mehr haben. Doch das Zweite hielt ich nicht lange durch, hingegen schaffte ich es das restliche halbe Jahr vor dem Umzug den Wald für mich zu behalten.
Im Sommer, wenn ein Sommergewitter aufzog und alle Bewohner meines Dorfes sich hinter den Vorhängen versteckten, zog ich mir meine Badelatschen, ein dünnes Hemdchen und eine Unterhose an und ging auf die menschenleere Straße. Dann setzte ich mich an den See hinter unserem Haus und beobachtete, wie die Regentropfen auf der Wasseroberfläche ihre Kreise zogen. Wenn ich dann nach einer halben Stunde klitschnass nach Hause kam, bekam ich immer eine Ohrfeige von der kleinen alten Frau. Und sobald meine Eltern da warn schimpfte meine Mutter mit mir und mein Vater knallte mir noch eine. Dann fing ich immer an zu weinen, aber niemand nahm mich in den arm und ich stand immer so lange in der kalten Küche und schluchzte vor mich hin, bis meine Eltern mich in mein Bett trugen.
Dort lag ich dann oft noch stundenlang wach und konnte mich nicht beruhigen. Ich ertrug es einfach nicht das die Ohrfeigen meines Vaters die einzige Berührung meiner Eltern war, die ich bekam.

Wieder hat er mich geschlagen.
Wieder habe ich ihn umarmen wollen.
Im sagen wollen wie lieb ich ihn habe.
Doch diese Kälte in seinen Augen wenn er mich ansieht lässt auch mich gefrieren.
Andere Kinder bekommen doch auch Zärtlichkeit und Zuneigung.
Warum ich nicht?
Meine Eltern geben mit alles was ich braucht,
nur das wichtigste vergessen sie.
Das was ein Kind von seinen Eltern am meisten braucht.
Sie vergessen einfach mich zu lieben.


Die Zeit zwischen dem Tag, an dem ich endlich alleine raus durfte und meine Eltern mich nicht mehr Tag für Tag in unserer Wohnung einschlossen, damit ich nicht weglief, und dem Tag den großen Umzugs, war die allerschönste Zeit meines Lebens. Oft hörte ich wie andere redeten. Sie sagten, meine Eltern würden mich verwahrlosen lassen. Und man könne ein kleines Kind wie mich doch nicht alleine auf die Straße lassen. Sie sagten, das würden sie nur tun, in der Hoffnung, dass ich eines Tages nicht mehr nach Hause käme. Sie redeten oft über mich und meine Eltern. Einmal stand auch das Jugendamt vor der Tür, aber sie konnten in keiner Weise erkennen, dass in dieser Familie etwas schief lief. Wie auch. Liebe kann man nicht sehen. Sonst wäre ja aufgefallen, dass es in unsere Wohnung keine gibt. Die Wohnung war nicht mal lieblos eingerichtet. Überall standen kleine Figuren von Engeln oder Hasen herum. Peinlich achtete meine Mutter in ihrer wenigen Freizeit darauf, dass die Häkeldeckchen, die unser Sofa schmückten auch an ihrem richtigen Platz lagen. Was meistens der Fall war, weil ich das Wohnzimmer grundsätzlich mied und mein Vater nur einmal die Woche auf dem Sofa saß um Fußball zu schauen. Dabei war es ihm egal, wer gegen wen spielte. Er hatte auch keine Mannschaft, die er besonders anfeuerte. Egal welche Mannschaft einen Fehler machte, er begann lauthals an zu brüllen und zu fluchen und er hörte nicht eher wieder auf bis meine Mutter ihm beschwichtigend eine Hand auf die Schulter legte. Die anderen Bewohner des Hauses meinten, sie würden an diesem Abend so wie so später schlafen gehen. Aber in Wirklichkeit hatten sie nur Angst vor ihm, weil er mal auf offener Straße eine streunende Katze totgetreten hatte.
Ich hingegen hatte mich zwar im Grunde daran gewöhnt, an diesem einen Tag in der Woche nicht früh schlafen zu können, aber ich heulte noch nach 3 Jahre die ganze Zeit, die ich seine Stimme aus dem Zimmer dringen hörte.
Was ich mir immer am meisten wünschte war ein Haustier. Endlich jemand, der wenigstens mal dankbar schnurrt wenn ich ihm den Kopf kraule. Doch nachdem ich zwei Tage Hausarrest hatte nur weil ich meine Mutter gefragt habe ob ich vielleicht ein Meerschweinchen haben dürfe, und sie zu meinem Vater ging, der total ausrastete, unterlies ich es dieses Thema anzusprechen. Geträumt habe ich wohl ständig von einem eigenen Haustier. Als Trost schenkte mir meine Mutter heimlich ein kleines Kuscheltier zu meinem 5. Geburtstag, welches ich aber gut verstecken sollte, damit es mein Vater nicht sähe. Er meinte immer Kuscheltiere übermitteln nur den Wunsch nach einem eigenen Tier und erhöhen den Drang nach Zärtlichkeit. Deshalb bewarte ich den kleinen braunen Plüschhund immer unter meinem Bett auf und holte ihn nur hervor wenn meine Eltern wieder mal nicht da waren und ich mir sicher sein konnte, dass sie auch so bald nicht wieder da sein würden.
28.6.06 19:02
 


bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Laura / Website (29.6.06 19:04)
I tried to read it but I don't get it.... I'm too stupid. haha.


Kat / Website (30.6.06 06:53)
i tried to read...ant it was....hammer klene...wie du die gefühle beschrieben hast....ich hab den regen fast selbst auf meiner haut gespürt...mach weiter so...
Hab dich Lieb
deie Sis


losttear / Website (30.6.06 07:10)
danke sis...


Laura / Website (30.6.06 13:45)
aww I wanna understand that... hope to talk to you soon to ask u a few vocab questions lol


losttear / Website (30.6.06 15:04)
okay....


koniy (3.7.06 13:08)
wirklich gut geschrieben!
die kleine tut mir voll leid


losttear / Website (3.7.06 13:32)
danke...

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