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Je älter ich wurde desto öfter schlich ich mich nachts, wenn ich das tiefe Schnarchen meines Vaters aus dem Elternschlafzimmer hörte, raus an die frische Luft. Schon bald hatte ich das öffnen und schließen der Wohnungstür so perfektioniert, dass nicht das kleinste Geräusch zu hören war. Auch beim betreten jeder einzelnen Stufe, die hinauf zum Dach führte, war ich so mäuschenstill, dass nicht einmal der Hund von dem Mann, der über uns wohnte, anfing zu bellen. Da ich so klein und schmal war konnte ich mit Leichtigkeit durch das Loch in der zerbröckelten Wand auf das Vordach kriechen, um dann von dort aus auf das Hauptdach zu klettern. Dort lag ich dann manchmal die ganze Nacht und schaute zu, wie die Wolken die Sterne verschluckten und sie kurz darauf wieder ausspieen. Wenn es zu bewölkt war um etwas am Himmel zu erkennen und man nicht einmal den Mond zwischen den Wolken hervorschimmern sah, ließ ich meinen Blick über unser kleines Dorf streifen. Über die wenigen erleuchteten Fenster. Zu dieser Nachtzeit schliefen gewöhnlich alle hier. Nur ein paar kleine Kinder brauchten das Licht im Nebenzimmer um einschlafen zu können. Manchmal konnte ich auch noch beobachten, wie der Schriftsteller, der im Nebenhaus wohnte, noch nachts an seiner Schreibmaschine saß und manchmal ein sehr verzweifeltes Gesicht machte. Ich malte mir dann immer aus, worum es wohl in dem Buch ging, welches er grade schrieb. War es wohl ein Kinderbuch, oder ein Krimi. Mit den wildesten Phantasien ließ ich edle Ritter Drachen die Köpfe abschlagen und einen mutigen Polizisten einen gespenstischen Mord aufklären. Manchmal entstanden auch romantische Geschichten in meinem Kopf. Ein edler Prinz verliebte sich in eine arme Bauerstocher und schließlich waren sie glücklich. Einmal konnte ich beobachten wie der Schriftsteller seine Katze von einem Stapel Blätter verscheuchen musste und sie dabei alle durcheinander brachte. Ich musste leise lachen, auch wenn ich wusste das es wohl eine Ewigkeit dauern würde, bis er die ganzen Seiten wieder geordnet hatte.
Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen mein Gesicht erleuchteten, machte ich mich wieder auf den Weg in mein Bett um dort den nächtlichen Schlaf nachzuholen.
Zweimal kam mein Onkel zu Besuch. Er war ein großer schmaler Mann mit einer Brille und vielen Muskeln. Ich glaube meine Mutter warf ihm ab und zu ein paar sehnsüchtige Blicke zu, denn der braungebrannte blonde Bruder meines Vaters war nicht einer der Hässlichsten. Im Grunde mochte ich ihn, weil er sich immer die Zeit nahm sich mit mir zu beschäftigen, wenn meine Eltern nicht da waren. Nur manchmal wurde er ein wenig grob und hielt mit Gewalt meine Arm fest, doch danach lachte er immer und nahm mich in den Arm und alles war wieder in Ordnung. So verbrachte er ganze Tage damit mit mir „Räuber und Gendarm“ oder „Katze und Maus“ zu spielen. Nur am Abend, nachdem er mir Gute Nacht gesagt hatte und mit meinen Eltern im Wohnzimmer uninteressante Sachen besprach und ich es mir erlaubte noch einmal mit irgendeinem Grund als Vorwand rüber zu kommen, war er immer gemein zu mir und behandelte mich, wie mein Vater es immer tat.

So verliefen in etwa die ersten fast sechs Jahre meines Leben. Damals war mir noch nicht ganz bewusst, dass es die Liebe war die mir fehlte. Meistens dachte ich, dieses komische leere Gefühl im Bauch wäre normal. Ich war einfach glücklich und genoss meine Kindheit mit allen Freiheiten die ich hatte, denn zu diesem Zeitpunkt lies man mich noch in Ruhe. Und das war mir wichtiger als vieles andere, denn so konnte ich tun und lassen was ich wollte. Wie hätte ich auch wissen können, dass mich das Verhalten meiner Eltern kaputt machte. Ich war ein Kind, das sich nicht viele Gedanken gemacht hat und alles was es nicht wusste durch ausprobieren rausfand.
Nach dem Umzug waren meine Freiheiten anfangs nicht weniger gering, als noch auf dem Dorf, doch mein Wald war nicht mehr da, kein See hinter dem Haus und ich konnte nachts auch nicht mehr auf das Dach klettern. In Magdeburg konnten wir uns eine größere Wohnung leisten und wohnten im Stadtzentrum, an einer Stelle, wo es dennoch sehr ruhig war. Wir hatten jetzt ein Zimmer mehr. Dort konnten Gäste übernachten, falls wir mal welche haben sollten, was durch die wenige Freizeit meiner Eltern nicht sehr häufig vorkam. Hinter dem Haus war ein kleiner Garten für alle Mieter des Hauses mit einem Sandkasten und zwei Schaukeln für die Kinder, einem Gemüsebeet für die gelangweilten Ehefrauen und einige Tische und Bänke mit einem Grill, um die sommerlichen Abende besser genießen zu können.
In der Wohnung schräg über uns wohnte eine Familie mit einer Tochter, die ein Jahr älter war als ich und einem Sohn, der drei Jahre älter war. Schon am Tag des Einzuges begegnete ich der Tochter und wir machten uns gleich bekannt. Sie lud mich ein ihr Zimmer anzuschauen. Klar, wollte ich gerne das Zimmer von ihr sehen, nur musste ich erst mal mit bei dem Umzug helfen. Bevor da nicht alles fertig war, würden mich meine Eltern nicht weg lassen. Doch schon am Tag darauf besuchte ich sie in ihrem Zimmer, welches wirklich toll aussah. Ein Traum von einem Mädchenzimmer mit einem Himmelbett und Sternen an der Decke. Eine Wand hatte sie orange angestrichen und eine war mit roten und gelben Tüchern behangen. Außerdem hatte sie tolle Poster an der Wand hängen, mit Einhörnern und Prinzessinnen drauf. Im ersten Augenblick hatte ich mich in dieses Zimmer verliebt und in all die glitzernden Klamotten die sie immer trug. Auch erfuhr ich dass das Mädchen Sandra hieß und grade in die Schule gekommen war. Sie war echt nett und ich verbrachte sehr viel Zeit mit ihr. Bei schönem Wetter verbrachten wir die meiste Zeit draußen auf den Straßen unseres Viertels. Schnell lernte man dort Kinder kennen, die sich gerne prügelten, welche die mit Puppen spielten oder andere die rauchten. Wir waren eigentlich immer zu zweit unterwegs und blieben mal auf diesem Spielplatz für ein oder zwei Stunden und mal auf dem Hinterhof. Nachts saßen wir gerne auf den beiden Schaukeln in unserem Garten und erzählten uns Gruselgeschichten oder betrachteten die Sterne und bildeten daraus Bilder. Irgendwann wurde Sandra dann immer von ihren Eltern reingepfiffen und meistens ging auch ich dann nach Hause. Meine Eltern hoben nicht mal den Kopf, wenn sie mich nach drei Tagen, die wir uns nicht gesehen haben, weil sie immer so spät nach Hause kamen und schon so früh wieder gingen, wiedersahen.
Die Kinder in dieser Stadt erstaunten mich immer wieder. Viele hatten noch nie eine lebendige Kuh gesehen, aber wussten schon wie man einen Zigarettenautomaten bediente. Sie waren alle ganz anders als die Kinder in meinem Dorf. Die meisten waren grob und warfen mit Schimpfwörtern um sich, die ich nie gehört hatte und mit denen ich auch nichts anfangen konnte. Wahrscheinlich hatten die selber keine Ahnung was das bedeutete, aber sie hatten sie mal von den Älteren aufgeschnappt und verwendeten sie, um damit zu zeigen, dass sie auch schon so cool und alt sind wie sie. Ich glaube ich hätte es sehr schwer gehabt bei diesen Kindern Anschluss zu finden, vor allem, weil sie alle älter waren als ich. Die meisten waren auch älter als Sandra, aber sie kannte viele, war beliebt und wegen ihres großen Bruders auch gefürchtet. Jeder wusste, wenn man mich oder sie dumm anmachte würde man Ärger mit ihrem Bruder und dessen Freunden bekommen.
Manchmal musste ich auch zusehen, wie ein kleiner schwacher Junge verprügelt wurde und man ihm dann alles wegnahm was er besaß und als brauchbar erachtet wurde. Meistens kamen diese Jungen dann mit einem blauen Auge oder einer Schramme am Knie davon, aber es kam auch vor, dass jemandem der Arm gebrochen wurde, aber dafür interessierten sich die Schläger nicht. Am liebsten wäre ich da öfters mal dazwischengegangen, aber Sandra hatte mich gewarnt, dass ich das auf keinen Fall machen dürfte, wenn ich von ihnen akzeptiert werden will. Sie meinte sie würden mich ignorieren oder auch auf mich einprügeln. Das lies ich mir natürlich nicht zweimal sagen und sah daher nur mit leidendem Blick zu. Sandra jubelte oft mit oder trat sogar mal gegen das Schienbein des Opfers, aber das ging mir dann doch zu weit. Ich mochte diese Gewalt in der Stadt nicht. Auf meinem Dorf war immer alles ruhig und Prügeleien hatte es nur sehr selten gegeben. Manchmal schlich ich mich auch einfach weg, wenn die anderen Kinder wieder ein Opfer auserwählt hatten. Aber ich sollte bald merken, dass es für das eigene Image sehr wichtig war so etwas mitzumachen und dass Image in dieser Gegend alles war.

Wenn Sandra und ich nicht rauskonnten waren wir meistens in ihrer Wohnung, da sie ein viel schöneres und größeres Zimmer hatte und ihre Eltern uns immer ganz lieb bewirteten. Einmal versprach sie mir, irgendwann würde ich auch so ein schönes Zimmer bekommen, wie sie es hatte. Da ich ja noch nicht zur Schule ging, hatte ich immer Zeit sie von der Schule abzuholen, so dass wir danach immer noch auf den Spielplatz gehen konnten oder in den Spielzeugladen um die Ecke, in dem wir gerne Stunden verbrachten und uns all die tollen Spielsachen ansahen, die wir so gerne haben würden, aber nie haben konnten.
Kurz vor meinem 6. Geburtstag verkündeten mir meine Eltern, dass sie eine Geschäftsreise machen müssten. Sie versprachen mir, dass sie wieder zurück wären wenn in zwei Monaten meine Einschulung wäre. Doch über diese lange Zeit ihrer Abwesenheit sollte mein Onkel in unsere Wohnung ziehen und auf mich aufpassen, was mich natürlich freute, weil er der einzige meiner Verwandten war, der mir auch mal zeigte oder sagte, dass er mich mochte. In der Hoffnung dies würden zwei wundervolle Monate werden, ohne Schläge meines Vaters und ohne, dass meine Mutter mich immer anmeckerte, sah ich dem Tag freudig entgegen, an dem ich mit meinem Onkel zusammen zum Bahnhof fuhr um meine Eltern zu verabschieden.
30.6.06 20:59
 


bisher 6 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Laura / Website (30.6.06 21:21)
ahhh :-(


losttear / Website (30.6.06 22:05)
sorry but i cant write such texts in english


koko / Website (1.7.06 02:01)
Im ersten Kapitel zieht der/die ProtagonistIn noch nach Berlin und nicht nach Magdeburg - oder irre ich mich da?


losttear / Website (1.7.06 09:19)
ja naja das habe ich geändert, weil ich mich in berlin nicht auskenne und es das schwiriger ist davon zu erzählen... in magdeburg weiß ich wenigstens was ich hab


koniy (3.7.06 13:16)
wirklich gut geschrieben, du hast talent!
*auf de nächsten teile freu, falls noch was kommt :P


losttear / Website (3.7.06 13:33)
danke, süße...

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