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Als der Tag endlich da war, wartete ich schon eine halbe Stunde bevor mein Onkel kommen wollte, vor der Tür in freudiger Erwartung ihn wieder zu sehen. Er begrüßte mich mit einem Lächeln und einem kleinen Kuss auf die Wange. Wir mussten uns beeilen um noch rechtzeitig am Bahnhof zu sein. Als wir dort waren, saßen meine Eltern schon im Zug an einem offenen Fenster und winkten mir zum Abschied noch aus dem Fenster des Zuges zu. Eine Umarmung oder einen Kuss bekam ich nicht. Dass sie mich jetzt mehrere Monate nicht sehen würden, war ihnen anscheinend egal. Mit einem komischen Gefühl im Bauch verließ ich den Bahnhof. Ich war einfach enttäuscht von dieser Lieblosigkeit, die sie mir gegenüber ausstrahlten. An der Hand meines Onkels schlenderten wir zurück zum Auto. Lautlos liefen vereinzelte Tränen über meine Wangen, als ich zusah wie eine Mutter ihre kleine Tochter in den Arm nahm und ihr einen kleinen Kuss auf die Stirn gab.

In diesem Moment kam meine älteste Erinnerung in mir hoch. Sie überfiel mich mit einer solchen Gewalt, dass ich taumelte. Plötzlich spürte ich in meinem ganzen Körper die Kraft der Liebe. Alles brodelte in mir und die Welt vor meinen Augen strahlte in unzähligen Farben.

 Mein Onkel sah mich kurz an, weil ich stolperte, aber er merkte nichts von der Nässe in meinem Gesicht. Ich brauchte einige Minuten um wieder bei vollem Bewusstsein zu sein, doch niemand hatte etwas von meiner vorübergehenden Abwesenheit bemerkt. Auf der Fahrt zurück nach Hause sagte ich kein Wort und war tief in meinen Gedanken versunken. Mit der Frage, ob wir nicht ein Eis essen gehen wollten, holte mich mein Onkel wieder ganz und gar auf den Boden zurück und ich verfiel wieder in mein kindliches Benehmen, indem ich erfreut umherzappelte und das schöne kühle Eis zu der warmen Jahreszeit kaum erwarten konnte. Ich vermied es an diesem Tag andere Menschen zu beobachten, was ich sonst sehr gerne tat. Aber ich hatte Angst davor noch einmal dieses Gefühl in mir zu spüren.

Kann man denn etwas vermissen was man gar nicht kennt? Kann man nicht nur etwas vermissen, was man einmal hatte und jetzt weg ist? Oder reicht es etwas gesehen zu haben oder sich etwas vorzustellen, was vielleicht nicht mal existiert, um es vermissen zu können? Kann man die Liebe vermissen, wenn man sie nie erfahren hat? Ich kann ja nicht sagen, dass ich die Liebe vermisse, denn ich weiß nicht wie es sich anfühlt geliebt zu werden. Vielleicht vermisse ich ja etwas, was auch andere Kinder nicht bekommen, ein anderes Gefühl, was niemand kennt und es nicht gibt, oder noch niemand es gewagt hat es auszusprechen. Erst Jahre später sollte ich erfahren, was es heißt geliebt zu werden.

An diesem Tag, war ich ununterbrochen den Tränen nahe. Ein böser Blick hätte mich zum Weinen bringen können, deshalb entschied ich mich, nicht wie geplant zu Sandra zu gehen, sondern lieber einige Stunden alleine im Stadtpark zu verbringen, der wenigstens noch ein wenig Ähnlichkeit mit meinem so geliebten Wald hatte. Also ich packte mir ein paar Kleinigkeiten zusammen, die ich vielleicht gebrauchen konnte. Das waren mein Plüschhund, eine Packung Kekse als Reiseproviant, ein paar Glasmurmeln und ein kleines Küchenmesser. Alles zusammen packte ich in meinen kleinen Rucksack und machte mich auf den Weg. Meinem Onkel sagte ich nicht was ich tat, er ging sicher davon aus, dass ich mich mit Sandra oder anderen Freunden treffen würde. Auf dem Weg in den Stadtpark musste ich über die Elbe. Ich liebte diese große Brücke, die man dann immer überqueren musste. In der Mitte blieb ich für eine Weile stehen und beobachtete die Strömung des Wassers durch die Gitterstäbe des Geländers. Es war ein schwüler Sommertag und der sanfte Wind der über die Brücke rauschte war sehr erleichternd. Auf dem Weg in den Park hinein konnte ich oft Schwärme von sich tummelnden Mücken sehen und Pärchen, die verliebt Hand in Hand das schöne Wetter genossen. Ich suchte mir den Platz, wo am seltensten andere Menschen hinkamen und legte mich dort auf die Wiese in die Sonne. Ich genoss die warmen intensiven Strahlen, die so schön heiß auf der Haut prickelten. Nebenbei aß ich ein paar Kekse und spielte mit den Grashalmen. Diese Wärme machte mich müde und bald schloss ich die Augen und schlief ein.

7.7.06 15:43
 


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